Wie können Genossenschaften Künstliche Intelligenz strategisch nutzen, ohne ihre Werte, ihre Eigenständigkeit und ihre Verantwortung aus dem Blick zu verlieren? Diese Frage stand im Zentrum der IfG Geno-Convention 2026.
© IfG // Jens von Derschau

Die IfG Geno-Convention 2026 fand am 30. April unter dem Leitmotiv „Daten als Kompass, KI als Motor – Perspektiven für genossenschaftliches Wirtschaften“ im Schloss der Universität Münster statt. Das Programm verband am Vormittag die erstmals stattfindenden Masterclasses mit wissenschaftlicher Einordnung und praktischen Anwendungsbeispielen, bevor am Nachmittag die Konferenz strategische Diskussionen und den Austausch zwischen Genossenschaften unterschiedlicher Branchen in den Mittelpunkt rückte.

Bereits der Vormittag zeigte in drei MasterClasses, wie vielfältig die Fragen sind, mit denen sich genossenschaftliche Unternehmen beim Einsatz von KI derzeit auseinandersetzen.

In der MasterClass „KI als der Heilige Gral im genossenschaftlichen Management?“ standen Fragen der strategischen Führung im Mittelpunkt. Die Teilnehmenden kamen aus unterschiedlichen Bereichen der genossenschaftlichen Praxis – von Volksbanken über Wohnungsgenossenschaften bis hin zu Dienstleistungs-, Agrar- und IT-Kontexten. Entsprechend breit waren auch die Erwartungen: Wie kann KI wirtschaftliche Chancen eröffnen? Wie lässt sich Produktivität steigern, ohne Datenschutz und Verantwortung zu vernachlässigen? Welche Rolle spielen eigene Kompetenzen gegenüber Angeboten zentraler Dienstleister? Und wie gelingt es, über erste Chatbot-Anwendungen hinauszudenken? In der Diskussion wurde deutlich: KI ist weit mehr als Prompting. Entscheidend ist der Transfer in den Arbeitsalltag. Dafür braucht es Führung, die Orientierung gibt, Ressourcen schafft und Leitlinien formuliert. Zugleich wurde betont, dass Menschen Prozesse weiterhin absichern müssen. Ownership, Tool-Verantwortung und ein realistischer Blick auf Arbeitsbelastung und Priorisierung sind zentrale Voraussetzungen, damit KI nicht nur punktuell ausprobiert, sondern organisatorisch wirksam wird.

© IfG // Tim Riekenberg
© IfG // Tim Riekenberg

Die MasterClass „KI & Low Code im genossenschaftlichen Arbeitsalltag“ rückte die praktische Umsetzung in den Mittelpunkt. Prof. Dr. David Bendig zeigte, wie Low-Code- und No-Code-Ansätze die Genossenschaftsidee aufgreifen: Was einer allein nicht schafft, können viele gemeinsam entwickeln – in diesem Fall digitale Lösungen, die nicht ausschließlich von klassischen IT-Abteilungen programmiert werden müssen. Die vorgestellten Ergebnisse einer Abfrage unter 24 Führungskräften aus dem genossenschaftlichen Umfeld zeigten, dass die meisten Häuser die Beobachtungsrolle bereits verlassen haben. Zugleich wurde deutlich, dass die Skalierung zur nächsten zentralen Aufgabe wird. Besonders konkret wurde dies am Beispiel von GenoGPT, plainGPT, Microsoft 365 Copilot und der Power Platform. GenoGPT ist in vielen Häusern bereits angekommen. Als größte Herausforderungen wurden Mitarbeitendenbefähigung, Akzeptanz und Kultur sowie Datenschutz und Regulatorik benannt.

Die MasterClass „KI verantwortungsvoll betreiben“ mit Prof. Dr. Tim Hahn verschob den Fokus auf Auswahl, Implementierung und Governance von KI-Systemen. Das Ziel war, fundierte Entscheidungen zu KI zu treffen, Risiken zu verstehen und aktiv zu steuern sowie KI systematisch in Organisationen zu integrieren. Im Mittelpunkt standen Architektur, Implementierung und Governance. Eine zentrale Botschaft lautete: KI ist kein einzelnes Tool, sondern ein System. Sie betrifft Prozesse, Organisation und IT, verändert Entscheidungslogiken und erzeugt Unsicherheit. Technologie mag schnell verfügbar sein, die eigentliche Herausforderung liegt jedoch in den Entscheidungen, die Organisationen treffen müssen. Es braucht klare Use Cases, kleine produktive Schritte, Prozessintegration, Qualitätsabsicherung und die Bereitschaft, nicht nur in Tools, sondern in Systemarchitekturen zu denken. Statt eines einzelnen großen Modells rückt damit die Orchestrierung spezialisierter Modelle, Datenquellen, Validierungsschritte und auch Agenten in den Vordergrund. Ein KI-System, das auf Daten zugreifen und Aktionen ausführen kann, braucht klare Grenzen. Governance bedeutet daher nicht nur Datenschutz und Compliance, sondern auch strategische Selbstbeschränkung: Wofür nutzen wir KI – und wofür ausdrücklich nicht? Wer darf was? Wie werden Ergebnisse geprüft? Und wie werden Rechte und Zugriffe kontrolliert?

© IfG // Tim Riekenberg

Ein besonderes Anliegen der IfG Geno-Convention 2026 war es, den Dialog zwischen Wissenschaft, Praxis und der nächsten Generation aktiv zu fördern. Dank der Unterstützung der Volksbank im Münsterland eG konnten 50 kostenfreie Tickets an Studierende der Universität Münster vergeben werden, die die Veranstaltung mit ihren Perspektiven und Fragestellungen bereicherten. Neben spannenden Einblicken in die Themen Künstliche Intelligenz und genossenschaftliche Wirtschaft bot sich ihnen die Gelegenheit, wertvolle Kontakte zu Vertreterinnen und Vertretern aus genossenschaftlichen Unternehmen und der Wissenschaft zu knüpfen.

Am Nachmittag wurden die Perspektiven der Masterclasses in drei Sessions in der Konferenz erweitert und zugespitzt.

© IfG // Tim Riekenberg

Session 1 stellte die Frage, ob KI lediglich als Werkzeug zur Realisierung von Effizienzgewinnen verstanden werden darf. Die Antwort fiel eindeutig aus: Wer KI nur nutzt, um Kosten zu senken, greift zu kurz. Langfristige Wettbewerbsvorteile entstehen erst dort, wo KI auch neue Geschäftsmodelle, bessere Services, zusätzliche Wertschöpfung und Innovationsfähigkeit ermöglicht. Ein prägnantes Bild aus der Diskussion machte deutlich, wie  frustrierend übergreifende Regulatorik sein kann: Wer einen Betonklotz im Wasser gegen Feuer versichert, nutzt neue Möglichkeiten nicht wirklich strategisch.

 

Session 2 nahm die Arbeitswelt in den Blick und diskutierte, ob KI den Fachkräftemangel lösen kann. Auch hier zeigte sich eine differenzierte Perspektive. KI kann entlasten, Routinen übernehmen und Mitarbeitende produktiver machen. Sie wird den Fachkräftemangel aber nicht einfach „abfangen“. Im Gegenteil: Wenn Einstiegspositionen vorschnell wegrationalisiert werden, kann dies die Heranbildung zukünftiger Fach- und Führungskräfte gefährden. Gerade genossenschaftliche Unternehmen müssen deshalb nicht nur über Effizienz, sondern auch über Ausbildung, Weiterbildung und Entwicklungspfade sprechen. Die zentrale Frage lautet nicht, ob KI Menschen ersetzt, sondern wie Organisationen Menschen befähigen, KI verantwortungsvoll und produktiv einzusetzen.

© IfG // Tim Riekenberg
© IfG // Tim Riekenberg

In Session 3 rückte die digitale Souveränität Europas in den Mittelpunkt. Unter der Leitfrage, ob Europas digitale Zukunft im Serverraum entschieden werde, diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik über Abhängigkeiten, Daten, Infrastruktur und strategische Handlungsfähigkeit. Dabei wurde deutlich, dass Souveränität nicht bedeutet, alles selbst entwickeln zu müssen. Vielmehr geht es darum, wechseln zu können, Lock-in-Effekte zu vermeiden, Risiken realistisch einzuschätzen und dort eigene Stärken auszubauen, wo sie tatsächlich liegen. Besonders stark war die These, dass Europa nicht überall aufholen müsse – etwa bei Hardware oder großen Sprachmodellen –, sondern vor allem bei der Nutzung eigener Daten, beim Prozesswissen und bei der Entwicklung konkreter Anwendungen.

 

Die Diskussion zeigte zugleich, dass digitale Souveränität auch eine Frage des Selbstbewusstseins ist. Europa verfügt über Kapital, Expertise, leistungsfähige Unternehmen, starke Rechenzentren und spezifisches Branchenwissen. Gerade Genossenschaften bringen mit ihren Netzwerken, ihrer Nähe zu Mitgliedern und Kunden sowie ihrem kooperativen Geschäftsmodell wichtige Voraussetzungen mit, um KI nicht nur einzukaufen, sondern gemeinsam zu gestalten. Eine hybride Strategie, die eigene Infrastrukturen mit externen Innovationen verbindet, wurde dabei als besonders anschlussfähig an genossenschaftliche Strukturen beschrieben.

Über alle Programmpunkte hinweg wurde sichtbar, dass KI für Genossenschaften keine reine Technologiefrage ist. Sie berührt Geschäftsmodelle, Führungskultur, Datenkompetenz, Ausbildung, Governance, Vertrieb, Mitgliederorientierung und digitale Souveränität. Der Tag machte aber auch deutlich, dass viele Organisationen nicht mehr am Anfang stehen. Die Fragen sind konkreter geworden: Wie kommen Anwendungen in die Breite? Wie werden Mitarbeitende befähigt? Wie lassen sich Risiken beherrschen? Wie entstehen Mehrwerte für Mitglieder, Kunden und Organisationen? Und wie kann KI so implementiert werden, dass sie zur genossenschaftlichen Identität passt?

Die IfG Geno-Convention 2026 zeigte damit vor allem eines: Jetzt zählt die Umsetzung. KI bietet große Chancen für Effizienz, Innovation und Zukunftsfähigkeit. Damit diese Chancen wirksam werden, braucht es jedoch mehr als einzelne Tools. Es braucht strategische Klarheit, verantwortungsvolle Führung, belastbare Daten, kompetente Mitarbeitende und den Mut, neue Wege zu gehen. Für genossenschaftliche Unternehmen liegt darin eine besondere Chance: Sie können KI nutzen, um wirtschaftlich stärker zu werden – und zugleich zeigen, wie digitale Transformation werteorientiert, kooperativ und souverän gestaltet werden kann.

Impressionen der IfG Geno-Convention 2026:

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