Wenn man über FinTech spricht, denkt man oft an Geschwindigkeit, Skalierung und Disruption. Wenn man über Genossenschaften spricht, an Stabilität, Teilhabe und langfristige Verantwortung. Im Gespräch zwischen Thorsten Wiesel und Rajendra Srivastava wird deutlich, wie genau in dieser Spannung eine gemeinsame Perspektive entsteht – und warum gerade hier das Potenzial für neue Formen kooperativer Finanzinnovation liegt.
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© Institut für Genossenschaftswesen der Universität Münster, 2026

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Thorsten Wiesel: Rajendra, FinTech könnte als Gegenpol zu genossenschaftlichem Denken interpretiert werden: schnell, risikofreudig, kapitalgetrieben. Genossenschaftsbanken stehen für Stabilität, Mitgliederorientierung und langfristige Verantwortung. Reizt dich genau dieser Kontrast?

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Rajendra Srivastava: Sehr sogar, denn FinTech braucht mehr als nur Technologie. Es braucht eine institutionelle Architektur des Vertrauens. In Indien hat sich UPI (Indiens Echtzeit-Zahlungssystem; Anm. d. Red.) nicht nur wegen seiner Schnelligkeit durchgesetzt, sondern auch wegen seiner Interoperabilität und Integration in das Bankensystem. Allein im Januar 2026 wurden 21,7 Milliarden Transaktionen im Wert von 28,33 Billionen Rupien (etwa 261 Milliarden Euro zum Referenzkurs der EZB; Anm. d. Red.) abgewickelt, und dieses Volumen ist in vielerlei Hinsicht ein sichtbares Zeichen des Vertrauens.

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Thorsten Wiesel: Gerade im deutschen Kontext sind Genossenschaftsbanken extrem stark im Mittelstand verankert. Die Genossenschaftliche Finanzgruppe ist 2024 mit 17,6 Millionen Mitgliedern und einer Bilanzsumme von rund 1,2 Billionen Euro eine der größten Bankengruppen in Deutschland. Gleichzeitig stehen sie unter enormem Digitalisierungsdruck. FinTech ist für sie keine Spielerei, sondern Überlebensfrage.

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Rajendra Srivastava: In Indien sehen wir das andere Extrem: ein hochdynamisches FinTech-Ökosystem, das mit Plattformen wie UPI ganze Zahlungssysteme nicht nur neu organisiert und digitalisiert, sondern auch auf eine neue Plattform gestellt hat. Laut Regierungsangaben macht UPI mittlerweile etwa 49 % des weltweiten Echtzeit-Zahlungsvolumens aus, was für ein 2016 eingeführtes System außergewöhnlich ist. Die Frage ist: Wie verbindet man diese Dynamik mit langfristiger Verantwortung?

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Thorsten Wiesel: Genau da wird unsere Kooperation spannend. Wir bringen die genossenschaftliche Perspektive ein, ihr bringt neben der Erfahrung aus einem der fortschrittlichsten digitalen Finanzmärkte der Welt auch ein Betriebssystem mit: Mitgliederverwaltung, lokale Nähe und ein Netzwerkmodell, in dem die zentrale Institution die Skalierung koordiniert. Diese Kombination kann dazu beitragen, dass digitale Schienen zu nachhaltigen Institutionen werden.

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Rajendra Srivastava: Man könnte sagen: Ihr bringt das institutionalisierte Vertrauen, wir bringen die digitale Geschwindigkeit.

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Thorsten Wiesel: Beides zusammen ist eigentlich die Voraussetzung für nachhaltiges FinTech.

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Rajendra Srivastava: Ja. FinTech ohne Vertrauen bleibt technisch. Genossenschaften ohne Digitalisierung riskieren, den Anschluss zu verlieren.

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Thorsten Wiesel: Das ist ein ziemlich klarer Befund. Für uns am IfG ist deshalb wichtig zu zeigen, dass Genossenschaften nicht das „Gestern“ oder „Heute“ der Finanzwirtschaft sind, sondern nach unserer Überzeugung ein Modell für ihr digitales „Morgen“.

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Rajendra Srivastava: Und für uns ist es spannend zu sehen, wie stark eure Genossenschaftsbanken lokal verankert sind. Viele FinTechs kämpfen genau damit: mit echter Kundennähe und Loyalität.

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Thorsten Wiesel: Vielleicht liegt hier der Kern: FinTech kann von Genossenschaften lernen, wie man Beziehungskapital aufbaut. Und Genossenschaften können von FinTech lernen, wie man digitale Infrastruktur mutig nutzt.

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Rajendra Srivastava: Das ist echte Kooperation. Kein Wissenstransfer in eine Richtung, sondern gegenseitige Ergänzung.

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Thorsten Wiesel: Und genau deshalb passt unsere Zusammenarbeit so gut zum genossenschaftlichen Gedanken: gemeinsames Lernen, gemeinsames Risiko, gemeinsamer Nutzen.

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Rajendra Srivastava: Man könnte sagen: Wir experimentieren mit einer Art „digitalem Genossenschaftsdenken“ für den Finanzsektor. Die eigentliche Frage ist nicht, ob Finanzgeschäfte schneller werden. Das werden sie. Die Frage ist, ob sie beziehungsorientierter werden. Wenn wir messen können, wie digitale Infrastruktur in Beziehungskapital umgewandelt wird, haben wir etwas gelernt, das sowohl FinTechs als auch Genossenschaften operativ nutzen können.

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Thorsten Wiesel: Ein schönes Bild. Vielleicht ist das sogar die Zukunft von FinTech: nicht nur schneller, sondern kooperativer.

Über die Gesprächspartner
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Rajendra Srivastava

ist ehemaliger Dean der Indian School of Business (ISB) und Novartis Professor für Marketing Strategy and Innovation. Er verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung als Wissenschaftler und akademischer Leiter und hatte zahlreiche Professuren sowie Führungspositionen inne, unter anderem an der Singapore Management University, der University of Texas at Austin und der Emory University. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Marketingstrategie, Marketing-Metriken sowie Marken- und Kundenmanagement. International bekannt ist er insbesondere für seine Arbeiten zur Messung des Wertbeitrags marktorientierter Geschäftsprozesse und zur Bewertung marktbasierter Vermögenswerte wie Marken, Kunden und Netzwerke. Seine aktuelle Forschung befasst sich mit Geschäftsmodellinnovationen in Dienstleistungsmärkten, im B2B- und Technologiesektor sowie in Schwellenländern. Er hat vielfach publiziert, wurde international ausgezeichnet und engagiert sich in Executive Education sowie in der engen Zusammenarbeit mit der Unternehmenspraxis.

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Thorsten Wiesel

ist Professor für Wertbasiertes Marketing am Marketing Center Münster der Universität Münster. Vor seiner Tätigkeit in Münster lehrte und forschte er an den Universitäten Groningen und Amsterdam. Seine Promotion absolvierte er am E-Finance Lab der Universität Frankfurt/Main und war als Visiting Scholar an führenden Institutionen in Spanien und den USA tätig. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Strategisches Marketing, die Schnittstelle zwischen Marketing und Finanzen sowie Digitales Marketing. Er hat in namhaften Fachzeitschriften wie dem Journal of Marketing und Marketing Science publiziert und Beiträge im Harvard Business Review verfasst. Prof. Wiesel wurde mehrfach für seine Forschungs- und Lehrleistungen ausgezeichnet, darunter als „ISBM Business Marketing Doctoral Fellow“ und Finalist des „MSI/H. Paul Root Award“. Zusätzlich ist er Gutachter für internationale Marketingjournale und leitet das REACH – EUREGIO Start-up Center an der Universität Münster, das Studierende und Wissenschaftler dabei unterstützt, innovative Ideen umzusetzen. Im Sommer 2023 wurde er als Nachfolger von Prof. Dr. Theresia Theurl zum Direktor des Instituts für Genossenschaftswesen bestellt und ist zudem seit April 2024 Vorstandsvorsitzender der Forschungsgesellschaft für Genossenschaftswesen Münster e.V.

English Version

In the IfG Introspective section, institutional and individual members as well as team members and cooperation partners introduce themselves and engage in conversation.

When people talk about FinTech, they often think of speed, scalability, and disruption. When they talk about cooperatives, they think of stability, participation, and long-term responsibility. In the conversation between Thorsten Wiesel and Rajendra Srivastava, it becomes clear how a shared perspective emerges precisely from this tension – and why it is exactly here that the potential for new forms of cooperative financial innovation lies.

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Thorsten Wiesel: Rajendra, FinTech can be interpreted as the opposite of cooperative thinking: fast, risk-taking, and capital-driven. Cooperative banks, on the other hand, stand for stability, member orientation, and long-term responsibility. Is it exactly this contrast that appeals to you?

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Rajendra Srivastava: Very much so. Because FinTech needs more than just technology. It needs an institutional architecture of trust. In India, UPI scaled not only because it was fast, but because it was interoperable and bank-integrated. In January 2026 alone it processed 21.7 billion transactions worth ₹28.33 lakh crore (approximately €261 billion at ECB reference rates) and that scale is, in many ways, trust made visible. And trust is something that cooperatives have been institutionally organizing for decades, even centuries, well beyond the banking sector.

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Thorsten Wiesel: Especially in the German context, cooperative banks are deeply rooted in the SME sector. And that rootedness is not marginal. The cooperative sector is one of the largest banking groups in Germany, with 17.6 million members & about €1.2 trillion in total assets. At the same time, they are under enormous pressure to digitalize. For them, FinTech is not a nice extra, but a question of survival.

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Rajendra Srivastava: And in India, we see the other extreme: a highly dynamic FinTech ecosystem that has reorganized entire payment systems through platforms like UPI. UPI did not merely digitize payments, it re-platformed them. Government statements now cite UPI at roughly 49% of global real-time payment volume, which is extraordinary for a system launched in 2016. The question is: how do you combine this dynamism with long-term responsibility?

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Thorsten Wiesel: That is exactly where our cooperation becomes exciting. We bring in the cooperative perspective, and you bring not only perspective, but an operating system: member governance, local proximity & a network model in which the central institution coordinates scale. That combination can help digital rails become sustainable institutions.

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Rajendra Srivastava: One could say: you bring institutionalized trust, and we bring digital speed.

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Thorsten Wiesel: And together, that is actually the prerequisite for sustainable FinTech.

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Rajendra Srivastava: Yes. FinTech without trust remains purely technical. Cooperatives without digitalization risk losing touch.

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Thorsten Wiesel: That is a very clear conclusion. For us at the IfG, it is therefore important to show that cooperatives are not the “yesterday” or even the “today” of the financial sector, but, in our conviction, a model for its digital “tomorrow”.

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Rajendra Srivastava: And for us, it is fascinating to see how strongly your cooperative banks are locally embedded. Many FinTechs struggle precisely with that: building real customer proximity and loyalty.

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Thorsten Wiesel: Perhaps this is the core: FinTech can learn from cooperatives how to build relationship capital. And cooperatives can learn from FinTech how to use digital infrastructure boldly.

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Rajendra Srivastava: That is true cooperation. Not a transfer of knowledge in one direction, but mutual complementarity.

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Thorsten Wiesel: And that is exactly why our collaboration fits so well with the cooperative idea: shared learning, shared risk, shared benefit.

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Rajendra Srivastava: One could say that we are experimenting with a kind of “digital cooperative thinking” for the financial sector. The real question is not whether finance becomes faster. It will. The question is whether it becomes more relational. If we can measure how digital infrastructure converts into relationship capital, we will have learned something that both FinTechs & cooperatives can operationalize.

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Thorsten Wiesel: A beautiful image. Perhaps that is even the future of FinTech: not only faster, but more cooperative.

About the Contributors
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Rajendra Srivastava

is the former Dean of the Indian School of Business (ISB) and Novartis Professor of Marketing Strategy and Innovation. With more than 30 years of experience as a scholar and academic leader, he has held numerous faculty and senior administrative positions, including at Singapore Management University, the University of Texas at Austin, and Emory University. His research focuses on marketing strategy, marketing metrics, and brand and customer management. He is internationally recognised for his work on measuring the value impact of market-facing business processes and assessing market-based assets such as brands, customers, and value networks. His current research explores business model innovation in services, B2B and technology-driven industries, as well as emerging markets. He has published extensively in leading journals, received multiple international honours, and is actively engaged in executive education and close collaboration with industry.

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Thorsten Wiesel

is Professor of Value-Based Marketing at the Marketing Center Münster at the University of Münster. Prior to joining Münster, he taught and conducted research at the University of Groningen and the University of Amsterdam. He earned his doctorate at the E-Finance Lab at Goethe University Frankfurt and served as a Visiting Scholar at leading institutions in Spain and the United States. His research focuses on strategic marketing, the interface between marketing and finance, and digital marketing. He has published in leading academic journals such as the Journal of Marketing and Marketing Science and has contributed to the Harvard Business Review. Professor Wiesel has received multiple awards for his research and teaching, including being named an “ISBM Business Marketing Doctoral Fellow” and a finalist for the “MSI/H. Paul Root Award.” In addition, he serves as a reviewer for international marketing journals and leads the REACH – EUREGIO Start-up Center at the University of Münster, which supports students and researchers in turning innovative ideas into practice. In summer 2023, he was appointed Director of the Institute of Cooperative Studies, succeeding Professor Theresia Theurl, and since April 2024 he has also served as Chairman of the Board of the Research Association for Cooperative Studies Münster.