© Institut für Genossenschaftswesen der Universität Münster
Tino Keppler: Volker, wenn wir über die Energiewende sprechen, geht es häufig um große politische Ziele, Netzausbau oder neue Technologien. Bei CoEnergy drehen wir die Perspektive ein Stück weit um und fragen: Was kann eigentlich vor Ort passieren? Du beschäftigst dich schon lange mit regionaler Entwicklung. Warum ist gerade die lokale Ebene so wichtig?
Volker Overesch: Weil die Energiewende letztlich vor Ort stattfindet. Hier wird Energie erzeugt und verbraucht, hier treffen Bürgerinnen und Bürger, Kommunen, Unternehmen und Energieerzeuger aufeinander. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie wir es schaffen, dass möglichst viel von der entstehenden Wertschöpfung auch in der Region bleibt. Dafür reicht es nicht, nur auf neue Technik zu schauen. Wir brauchen Strukturen, die unterschiedliche Akteure zusammenbringen und ihnen ermöglichen, gemeinsam zu handeln.
Genau deshalb interessiert mich aber auch eure Perspektive. Was macht diese zunächst sehr praktische Frage für das IfG zu einem Forschungsprojekt?
Tino Keppler: Uns interessiert vor allem, wie ein solcher lokaler Energiemarkt organisiert werden kann. Mit den neuen regulatorischen Möglichkeiten rund um Energy Sharing entstehen zusätzliche Handlungsspielräume. Damit ist aber noch nicht geklärt, wer welche Rolle übernimmt, wie Kooperationen gestaltet werden, wie kleinere Akteure eingebunden werden können oder welche Governance-Strukturen dafür geeignet sind. CoEnergy ist deshalb bewusst als Konzept- und Machbarkeitsstudie angelegt. Wir wollen nicht unmittelbar einen neuen Strommarkt aufbauen, sondern zunächst ein tragfähiges und übertragbares Modell dafür entwickeln.
Steinfurt ist dabei unser Entwicklungs- und Erprobungsraum. Beim Kick-off im Mai hatten wir bereits Bürgerenergiegenossenschaften, Stadtwerke, Windparkbetreiber, kommunale Akteure, Landwirtschaft und weitere Partner an einem Tisch. Ist diese Vielfalt aus deiner Sicht eine besondere Stärke der Region?
Volker Overesch: Auf jeden Fall. Viele dieser Akteure kennen sich bereits und bringen ganz unterschiedliche Erfahrungen mit. Gleichzeitig verfolgt natürlich jeder zunächst seine eigene Perspektive. Genau deshalb ist es wichtig, einen Raum zu schaffen, in dem wir nicht nur nebeneinander über die Energiewende sprechen, sondern gemeinsam überlegen, wie neue Modelle tatsächlich funktionieren könnten. Die entscheidende Frage ist für mich: Wie schaffen wir Lösungen, von denen die Beteiligten vor Ort profitieren und die gleichzeitig praktikabel bleiben?
Wobei diese Vielfalt eure Arbeit wahrscheinlich nicht unbedingt einfacher macht.
Tino Keppler: Nein, aber gerade das macht sie wissenschaftlich interessant. Ein lokaler Energiemarkt ist eben nicht nur eine technische Frage. Wirtschaftlichkeit, Regulierung, Daten, Abrechnung und Organisation müssen zusammengedacht werden. Und wenn ein Modell am Ende nur unter sehr speziellen Bedingungen oder mit einem einzelnen Akteur funktioniert, ist wenig gewonnen. Unser Anspruch ist deshalb, aus dem konkreten Beispiel Steinfurt Erkenntnisse zu gewinnen, die sich auch auf andere Regionen übertragen lassen.
Wir sprechen dabei immer wieder von genossenschaftlich organisierten Energiemärkten. Die MLH Bürgerimmobilien eG selbst ist aus einer Bürgerinitiative heraus entstanden. Ist die Genossenschaft für dich bei CoEnergy vor allem eine passende Rechtsform – oder steckt mehr dahinter?
Volker Overesch: Für mich steckt deutlich mehr dahinter. Die Genossenschaft schafft eine Struktur, in der Menschen gemeinsam Verantwortung übernehmen und langfristig etwas für ihre Region entwickeln können. Genau diese Erfahrung haben wir mit der MLH gemacht. Bei der Energieversorgung stellt sich im Grunde eine ähnliche Frage: Bleiben Bürgerinnen und Bürger am Ende reine Verbraucher oder können sie sich beteiligen und mitgestalten? Genossenschaftliche Prinzipien können dafür eine sehr gute Grundlage bieten.
Dann drehe ich die Frage zum Schluss noch einmal um: Wann wäre CoEnergy für dich als Wissenschaftler erfolgreich?
Tino Keppler: Wenn wir am Ende nicht nur ein theoretisch überzeugendes Modell entwickelt haben, sondern einen Modellbaukasten, der zeigt, wie lokale Energiemärkte organisatorisch, wirtschaftlich und regulatorisch funktionieren können. Er sollte in Steinfurt praktisch anschlussfähig sein und zugleich Erkenntnisse liefern, die sich auf andere Regionen übertragen lassen. Besonders spannend wäre es natürlich, wenn daraus im nächsten Schritt konkrete Anwendungen entstehen.
Und wann wäre das Projekt für dich erfolgreich?
Volker Overesch: Wenn aus den vielen Ideen und Perspektiven etwas entsteht, das vor Ort tatsächlich trägt. Wenn regionale Akteure nicht mehr nur miteinander reden sondern auf einem lokalen Strommarkt Waren und Dienstleistungen miteinander handeln. Wenn es gelingt, dass Bürger und Unternehmen ihre Bedarfe aus eigenem, finanziellen Antrieb vorrangig auf dem lokalen Markt decken und dadurch regionale Anbieter neue ertragsstarke Geschäfte entwickeln, Wertschöpfung in der Region bleibt. Dann wäre CoEnergy mehr als ein Forschungsprojekt – nämlich ein Baustein dafür, die Energiewende gemeinschaftlich vor Ort zu gestalten.
Über die Gesprächspartner
Volker Overesch
Volker Overesch ist Vorstand der MLH Bürgerimmobilien eG in Steinfurt. Die 2013 gegründete Genossenschaft entstand aus dem bürgerschaftlichen Engagement für den Erhalt des Martin-Luther-Hauses und engagiert sich heute an der Schnittstelle von Bürgerbeteiligung und nachhaltiger Regionalentwicklung. Im Projekt CoEnergy bringt die MLH ihre regionale Vernetzung, konkrete Anwendungsperspektiven und Erfahrungen mit kooperativen Organisationsformen ein.
Tino Keppler
Tino Keppler ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Genossenschaftswesen der Universität Münster und Vorstandsreferent der Forschungsgesellschaft für Genossenschaftswesen Münster e. V. Im Projekt CoEnergy verantwortet er die wissenschaftliche Begleitung und beschäftigt sich insbesondere mit der Frage, wie lokale Energiemärkte genossenschaftlich organisiert und neue Kooperations- und Governance-Modelle gestaltet werden können.
Das Projekt CoEnergy wird
Zum Thema:
